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Magazin · Nachweis

Wer hat die Überstunden angeordnet? Was du neben der Zeit festhalten solltest

Kurz gesagt

Wer Überstunden bezahlt haben will, muss im Streit zwei Sachen zeigen: dass er sie geleistet hat, und dass der Arbeitgeber sie veranlasst hat. Nach dem Bundesarbeitsgericht geht das auf fünf Wegen: ausdrücklich angeordnet, durch zu viel Arbeit stillschweigend angeordnet, nachträglich gebilligt, wissentlich geduldet oder schlicht notwendig. Ein Satz Notiz am selben Tag hilft dir dabei mehr als jede Erinnerung.

Von Fieravend · Heidrich Digital · Veröffentlicht · Stand 20. Oktober 2026 · Lesezeit 7 Minuten

Zeit allein reicht nicht

Sam fährt für einen Lieferdienst. Seit Monaten wird es abends später, weil die Touren länger werden. Sam hat alles aufgeschrieben: jeden Tag Beginn, Ende, Pause. Als er nach dem Plus fragt, heißt es: „Das hat doch keiner von dir verlangt.“

Genau um diese Frage ging es 2022 vor dem Bundesarbeitsgericht. Ein Auslieferungsfahrer wollte 348 Überstunden bezahlt haben. Seine Zeiten waren belegt, sogar durch die Zeiterfassung des Arbeitgebers. Trotzdem hat er verloren. Das Gericht sagte: Wer Überstunden bezahlt haben will, muss nicht nur zeigen, dass er sie gemacht hat, sondern auch, dass der Arbeitgeber sie veranlasst hat oder sie ihm zuzurechnen sind. Und das muss der Beschäftigte darlegen und beweisen.

Die fünf Wege, wie Überstunden dem Arbeitgeber zugerechnet werden

Das Urteil beschreibt, woran man die Veranlassung erkennt. Vereinfacht:

  • Ausdrücklich angeordnetJemand hat dir gesagt, dass du länger bleiben sollst. Wichtig ist, wer, wann und was. „Chefin, 16:40 Uhr: Bitte noch die Inventur fertig machen.“
  • Stillschweigend angeordnetDir wurde so viel Arbeit zugeteilt, dass sie in der normalen Zeit nicht zu schaffen war. Dafür reicht es nicht, länger da gewesen zu sein. Es muss klar werden, warum die Arbeit nicht in die normale Zeit gepasst hat.
  • GebilligtDer Arbeitgeber hat die Stunden hinterher akzeptiert, zum Beispiel indem jemand deinen Stundenzettel mit den Überstunden abzeichnet. Dass er die Zettel nur entgegennimmt, reicht nicht.
  • GeduldetDer Arbeitgeber wusste von den Überstunden und hat nichts dagegen getan. Du musst zeigen, wovon er wusste, woher und seit wann.
  • NotwendigDie Überstunden waren nötig, um die Arbeit zu erledigen. Ein allgemeiner Satz genügt nicht, es braucht konkrete Abläufe: welche Tour, welcher Auftrag, warum keine Pause ging.

Und die Pflicht zur Zeiterfassung?

Seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2019 und dem Beschluss des Bundesarbeitsgerichts vom September 2022 müssen Arbeitgeber in Deutschland Beginn, Ende und Dauer der Arbeitszeit erfassen, einschließlich der Überstunden. Viele hofften, dass sich damit auch die Beweislast für Überstunden dreht.

Das Bundesarbeitsgericht hat das im Fall des Fahrers ausdrücklich verneint. Die Erfassungspflicht dient dem Gesundheitsschutz, nicht der Bezahlung. An der Beweislast für die Vergütung ändert sie nichts. Hat dein Betrieb gar kein System, ist dein eigener Zettel deshalb umso wichtiger.

Was du jeden Tag festhalten kannst

Das klingt nach viel Bürokratie. In der Praxis ist es ein Satz am Tag, an dem etwas Besonderes war. Gut sind Notizen, die die Fragen des Gerichts schon beantworten:

  • Wer hat gefragt?„Ben (Schichtleitung) bat um Spätdienst, Kollegin krank.“
  • Was war der Grund?„Lieferung kam erst 17:30 Uhr, musste noch eingeräumt werden.“
  • Wusste es jemand?„Chef war bis 19 Uhr im Laden und hat mich gesehen.“
  • Gab es eine Spur?Mail, Chatnachricht, Dienstplan, Schlüsselprotokoll. Ein Screenshot reicht, abgelegt bei dir, nicht in der App.

Fristen nicht verpassen

Viele Arbeits- und Tarifverträge haben Ausschlussfristen: Ansprüche verfallen, wenn du sie nicht innerhalb einer bestimmten Zeit schriftlich geltend machst. Wie lang sie sind, steht in deinem Vertrag oder Tarifvertrag. Unabhängig davon verjähren Lohnansprüche in Deutschland nach drei Jahren, gerechnet ab dem Ende des Jahres, in dem sie entstanden sind.

In Österreich kannst du einmal im Monat verlangen, dass dir der Arbeitgeber deine Arbeitszeitaufzeichnungen kostenlos übermittelt (§ 26 Abs. 8 AZG). Das ist ein guter Moment, die eigenen Zahlen danebenzulegen.

So hilft dir Fieravend

In Fieravend hat jeder Block eine Notiz. Was du später nachträgst, bleibt als nachgetragen markiert, und Änderungen stehen in einem Protokoll. Am Monatsende gibt es einen Stundenzettel als PDF mit Prüfsumme. Damit lässt sich zeigen, dass ein Ausdruck zu den Daten in deiner App passt.

Was ein Nachweis sonst noch braucht, steht im Ratgeber Überstunden nachweisen. Wenn die Mehrarbeit abends am Laptop passiert, lies auch Abends noch am Laptop: Ist das Arbeitszeit?.

Kurz gefragt

Muss ich beweisen, dass mein Arbeitgeber die Überstunden wollte?
Für die Bezahlung ja. Nach dem Bundesarbeitsgericht (5 AZR 359/21) musst du zeigen, dass der Arbeitgeber die Überstunden angeordnet, gebilligt oder geduldet hat oder dass sie notwendig waren.
Ändert die Pflicht zur Zeiterfassung etwas an der Beweislast?
Nein. Das Bundesarbeitsgericht hat 2022 entschieden, dass die Erfassungspflicht die Beweislast für die Vergütung von Überstunden nicht verschiebt.

Quellen

  1. BAG, Urteil vom 04.05.2022, 5 AZR 359/21
  2. BAG, Beschluss vom 13.09.2022, 1 ABR 22/21
  3. EuGH, Urteil vom 14.05.2019, C-55/18
  4. §§ 195, 199 BGB (Verjährung)
  5. § 26 Arbeitszeitgesetz Österreich (RIS)

Alle Quellen abgerufen am 20. Oktober 2026. Dieser Artikel erklärt allgemein und ist keine Rechtsberatung. Bei Fragen zu deinem Fall helfen Betriebsrat, Gewerkschaft, Arbeiterkammer (AT) oder eine Fachanwältin für Arbeitsrecht.

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