Magazin · Zahlen
Unbezahlte Überstunden in Zahlen: 637 Millionen Stunden geschenkt
Kurz gesagt
In Deutschland blieben 2024 rund 637,5 Millionen Überstunden unbezahlt, das sind 53,6 Prozent aller Überstunden. 2025 kamen im Schnitt 15,6 unbezahlte Überstunden auf jede beschäftigte Person, mehr als die bezahlten. Wer seine Zeit selbst aufschreibt, sieht, wie viel davon bei ihm landet.
Von Fieravend · Heidrich Digital · Veröffentlicht · Stand 20. Oktober 2026 · Lesezeit 6 Minuten
Mehr als die Hälfte bleibt unbezahlt
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet jedes Jahr nach, wie viel in Deutschland gearbeitet wird. Für 2024 kommt es auf knapp 1,19 Milliarden Überstunden. Davon wurden 552 Millionen bezahlt. 637,5 Millionen nicht. Das steht in einer Antwort der Bundesregierung an den Bundestag vom Juli 2025.
Unbezahlt heißt hier: weder mit Geld noch mit einem Zuschlag abgegolten. Ein Teil davon wird später vielleicht mit Freizeit ausgeglichen, ein großer Teil verschwindet einfach. Zehn Minuten früher da, zwanzig länger geblieben, die Pause durchgearbeitet. Das fällt in keinem Monat auf, aber über ein Jahr wird daraus eine Menge.
Pro Kopf: rund zwei Arbeitstage im Jahr
Für 2025 meldet das IAB im Schnitt 15,6 unbezahlte und 11,6 bezahlte Überstunden je beschäftigter Person. Die unbezahlten liegen also vorn, wie schon 2024 (15,1 zu 13,1 Stunden). 15,6 Stunden sind bei einem Achtstundentag knapp zwei volle Arbeitstage, die du im Jahr verschenkst, wenn du genau im Schnitt liegst.
Der Schnitt verdeckt viel: Viele Teilzeitkräfte machen gar keine Überstunden, andere sehr viele. Deshalb hilft dir die Zahl für Deutschland nur als Einordnung. Deine eigene Zahl kennst du erst, wenn du deine Zeiten aufschreibst. Mit dem Überstundenrechner kannst du eine Woche nachrechnen.
Wo es besonders viel ist
Der Mikrozensus 2024 zeigt, wie sich die Überstunden von Vollzeitkräften auf Branchen verteilen. Über alle Branchen sind 61,1 Prozent unbezahlt. In einigen Bereichen ist es fast alles:
- Erziehung und Unterricht: 96,5 %Hier fallen Schulen und Kitas hinein. Korrekturen am Abend, Elternabende, Konferenzen.
- Finanz- und Versicherungsdienstleistungen: 80,0 %Banken, Versicherungen, Finanzdienste.
- Freiberufliche und wissenschaftliche Dienstleistungen: 77,4 %Kanzleien, Büros, Agenturen, Forschung.
- Information und Kommunikation: 76,7 %IT, Medien, Telekommunikation.
In der Ausbildung
Auch wer gerade erst anfängt, kennt das. Im DGB-Ausbildungsreport 2025 geben 32,3 Prozent der befragten Auszubildenden an, regelmäßig Überstunden zu machen. Bei angehenden Köchinnen und Köchen sind es 50,6 Prozent. Überstunden sind kein Ausbildungsinhalt. Wenn du in der Ausbildung bist, lohnt sich ein eigener Zettel doppelt: für dich und für das Gespräch mit dem Betrieb.
Was das wert ist
Rechnet man die 637,5 Millionen Stunden mit dem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst vom April 2024 (25,94 Euro laut Statistischem Bundesamt), kommt man auf rund 16,5 Milliarden Euro. Das ist eine eigene, grobe Rechnung: Wer unbezahlte Überstunden macht, verdient nicht unbedingt den Durchschnitt, und Zuschläge sind nicht drin. Die Größenordnung zeigt trotzdem, worum es geht.
Nicht nur in Deutschland
In Österreich wurden 2025 laut Arbeiterkammer Wien rund 170 Millionen Mehr- und Überstunden geleistet. 45,9 Millionen davon wurden weder bezahlt noch mit Zeitausgleich abgegolten. In Großbritannien rechnet der Gewerkschaftsbund TUC für 2025 mit unbezahlten Überstunden im Wert von 28,5 Milliarden Pfund. Rund 3,5 Millionen Menschen arbeiten dort regelmäßig länger, ohne Geld dafür.
Die Zahlen sind unterschiedlich erhoben und nicht direkt vergleichbar. Das Bild ist aber überall ähnlich: Ein großer Teil der zusätzlichen Arbeit wird nirgends verbucht.
Was du damit anfangen kannst
Du musst niemandem etwas beweisen, um deine Zeit aufzuschreiben. Ein eigener Stundenzettel ist erst einmal für dich: Du siehst, ob deine Woche passt, ob die Pausen stattfinden und wie viel Plus sich über Monate sammelt. Wenn du irgendwann darüber reden willst, mit deiner Chefin, dem Betriebsrat oder bei einem Jobwechsel, hast du Zahlen statt eines Gefühls.
Was in einen guten Nachweis gehört und wer was zeigen muss, steht im Ratgeber Überstunden nachweisen und im Artikel Wer hat die Überstunden angeordnet?.
Kurz gefragt
- Wie viele Überstunden bleiben in Deutschland unbezahlt?
- 2024 waren es laut IAB-Arbeitszeitrechnung 637,5 Millionen Stunden, 53,6 Prozent aller Überstunden. 2025 kamen im Schnitt 15,6 unbezahlte Überstunden auf jede beschäftigte Person.
- In welcher Branche sind die meisten Überstunden unbezahlt?
- Nach dem Mikrozensus 2024 in Erziehung und Unterricht: 96,5 Prozent der Überstunden von Vollzeitkräften waren dort unbezahlt.
Quellen
- Deutscher Bundestag, Drucksache 21/755 vom 04.07.2025 (Tabellen 1, 2 und 8, nach IAB-Arbeitszeitrechnung und Mikrozensus 2024)
- IAB, Presseinformation vom 03.03.2026: Arbeitszeitrechnung 2025
- Statistisches Bundesamt: Durchschnittliche Bruttostundenverdienste (April 2024: 25,94 €)
- DGB, Pressemitteilung vom 21.08.2025: Ausbildungsreport 2025
- Arbeiterkammer Wien, Presse vom 12.03.2026: Überstunden-Lohnraub endlich stoppen
- TUC: UK workers put in £28 billion in unpaid overtime in the last year (2026)
Alle Quellen abgerufen am 20. Oktober 2026. Dieser Artikel erklärt allgemein und ist keine Rechtsberatung. Bei Fragen zu deinem Fall helfen Betriebsrat, Gewerkschaft, Arbeiterkammer (AT) oder eine Fachanwältin für Arbeitsrecht.